Deutsch-bulgarische Kinderhilfe

Weihnachten Dezember 2003

Weihnachten in Semtschinovo in früheren Zeiten

Frühere Zeiten - das war vor dem letzten Weltkrieg. Bulgarien war bis 1878 unter türkischer Herrschaft - fast 500 Jahre lang. Danach gab es mehrere Balkankriege, in die das Land ebenfalls verwickelt war. Bis 1945 war Bulgarien ein Königreich; bis 1990 wurde es kommunistisch regiert.

Die Kirche spielte, wie in allen Ländern des Ostblocks, keine besondere Rolle. Es war zwar nicht verboten, in die Kirche zu gehen, aber es wurde nicht gern gesehen. Christliche Traditionen wurden deshalb, wenn überhaupt, nur zu Hause gepflegt, im Kreis der Familie. In die Kirche gingen nur die alten Leute. Das lockerte sich jedoch etwas in den 80-er Jahren. Aus Semtschinovo, dem Dorf am Fuße der Rhodopen, um dessen Kinder sich unser Verein kümmert, wurde mir folgendes von einer alten Frau berichtet:

Am Heiligen Abend wurde Stroh auf den Boden des Zimmers gestreut und mit einem Tischtuch bedeckt. Darauf wurden die Speisen gestellt. Es mußten unbedingt mindestens sieben Gerichte sein, ohne Fleisch und Eier, aber mit allem, was im Garten wuchs: getrocknetes Obst, eingelegtes Gemüse, Nüsse, Weizen. Für das Abendessen wurde Brot gebacken, in dem eine Münze versteckt wurde. Die Familie setzte sich auf den Fußboden um das Tischtuch herum und bevor das Essen begann, wurde vom ältesten Mann der Familie das Brot in Stücke gebrochen und verteilt. Bei jedem Stück wünschte er etwas Gutes, zum Beispiel Gesundheit, Erfolg bei der Arbeit, Erfolg in der Schule, gute Ernte, viel Vieh im Stall usw. Wer die Münze in seinem Stück Brot fand, dessen Glückwunsch ging in Erfüllung.

Am nächsten Tag wurde die Münze in die Kirche gebracht,gesegnet und gespendet. Zum Essen gab es am 25. Dezember ein mit Reis, Pilzen und verschiedenen Gewürzen gefülltes Huhn mit Sauerkraut. An den kommenden drei Tagen wurde immer weiter gegessen, nichts wurde von der Decke weggenommen. Abfälle wurden unter das Stroh gefegt. Am dritten Tag wurde das Zimmer aufgeräumt und das ganze Stroh auf die Obstbäume im Garten verteilt. Das brachte eine gute Ernte.

Übrig geblieben von diesem alten Weihnachtsbrauch ist heute noch das gefüllte Huhn, das am 25. Dezember gegessen wird.

Marei Tepawitscharow
09.12.03
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